[DEMENTIA, Teil 5]: Lockdown

Es ist eine ganze Weile her, dass ich über die fortschreitende Demenz meiner Mutter geschrieben habe. Es gab auch nicht wirklich viel zu berichten. Schlechte Tage, bessere Tage, sie kamen und gingen. Sie hatte viele, fiktive Besucher bei sich, manche ärgerlich, manche haben sie erschreckt, andere wiederum waren schlicht da. Ein wenig erschrocken bin ich, wie lange es schon her ist, dass ich das letzte Mal darüber geschrieben habe. Da sieht man mal wieder, wie extrem subjektiv Leben und Alltag wahrgenommen werden.

Eine kurze Rückschau zum Covid-Lockdown. Den hat sie merkwürdigerweise ohne größere Probleme überstanden. Besuche waren nicht möglich, aber Telefonate. Manche davon skurril, andere völlig daneben und dann gab es jene Gespräche, die scheinbar normal verliefen, bis man mittendrin anhand eines einzelnen Wortes erkannte, dass sie nicht ganz bei sich war.

Wie sie eingekaufen gegangen ist, weiß ich nicht, denn so richtig mitgekriegt hat sie nicht, was dieser Lockdown war und dass es da eine Pandemie gab (gibt). Aber da sie immer noch munter in ihren surrealen Welten unterwegs ist – und solange sie den Alltag irgendwie schafft, soll sie einfach in ihrer Welt leben, alles andere ist sowohl nutzlos wie bis zu einem gewissen Grad wohl auch gemein -, muss ich davon ausgehen, dass sie alles überstanden hat.

Sie hat sich viel mit fiktiven Dingen beschäftigt, mal aus ihrem Schlafzimmer ausgesperrt (weil ihr mein Bruder den Schlüssel gestohlen hat), oder weiß der Kuckuck was sonst getan. Aber sie ist da durchgesegelt, wobei ich wirklich gehofft hatte, dass die Umstände des Lockdowns sie auffällig gemacht hätten, egal, ob Polizei oder Rettung. Das wäre eine Möglichkeit gewesen, irgendwas in Bewegung zu setzen. Hat nicht sollen sein.

Besucht habe ich sie seitdem nicht. Zum einen ist der Umgang mit ihr überaus kräftezehrend und erschöpfend, das muss ich unumwunden zugeben. Es ist wirklich sehr ermüdend, mit diesem Zustand umzugehen, von dem man weiß, dass jedes Bemühen um Verstehen vergeblich ist. Auch hilft es nicht, dass das Verhältnis zu ihr wirklich nicht gut ist, aber das ist ausführlicher im ersten Beitrag der Serie erläutert. Zum anderen mangelt es mir an Zeit und ich bin räumlich oft weit entfernt, schlicht und ergreifend. Und drittens ist es auch so, dass zu viel kümmern kontraproduktiv ist. Da sie unkooperativ ist, was Fremdhilfe angeht und eine Vormundschaft vom Gesetz her kaum machbar, ist der wohl praktikabelste Weg, sie zu lassen, bis es ein Problem gibt, das ein offizielles Eingreifen benötigt (sie sperrt sich aus, verläuft sich, etc…).

Vor ein paar Tagen hatten wir ein sehr “lustiges” Telefonat, in dem sie mir vorgeworfen hat, irgendwas gestohlen zu haben. Das ist ein Klassiker, die demente Person verlegt einen Gegenstand und findet ihn nicht mehr und die Erklärung dafür ist Diebstahl.  Ich wisse genau, was ich getan habe und solle mir überlegen, ob das so wäre, wie ich das möchte. Hundertmal nachbohren, worum es eigentlich genau geht, fördern nichts weiter zutage als diesen Satz in einem halben Dutzend Variationen.
Wohl wissend, was hier passiert, hat mich dieses Telefonat trotzdem gewaltig auf die Palme gebracht. Schlicht deshalb, weil es keinen Weg an diesem Schwachsinn vorbei gibt.

In meinem Zorn habe ich nur darüber nachgedacht, dass ich die zweibändige Werkausgabe von Dali und die zweibändige Werkausgabe von Picasso, die ich ihr vor langer Zeit geliehen habe, wieder zurückhaben möchte. Möchte ich wirklich, das sind sehr schöne Ausgaben aus dem Taschen-Verlag.


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Obiger Bericht ist ein bewusst lückenhaftes Gedächtnisprotokoll über die Abläufe der letzten Tage und Wochen. Nicht alles muss Erwähnung finden, manches hebe ich mir für den nächsten Bericht auf. Wie auch immer. Grundsätzlich jedoch entsprechen die Schilderungen den Tatsachen. Ich lasse es mir offen, wie lange und in welcher Form ich darüber berichte. Warum mache ich das? Hauptsächlich für mich, eine Art Katharsis. Vielleicht sind diese Notizen anderen Leuten nützlich.


Der Beitrag [DEMENTIA, Teil 5]: Lockdown erschien am 07.10.2020 auf DingeDesAlltags.com


Eigenes Foto: Steinplatten.

 

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